Leserbrief von Valentin Tschepego aus Berlin im Juni 2013

Herr Valentin Tschepego ist im Internet auf den Artikel „Das Haus des Hauptmanns von Messer“ von Reinhold Griese gestoßen, den wir in der Raducle Ausgabe 9 veröffentlicht hatten. Ergänzend zu dem Artikel hat er uns einen neugierig machenden Artikel zugeschickt, den wir an dieser Stelle gerne veröffentlichen.

Zu seinen Beweggründen, das Leben und Wirken des „Roten Grafen“ zu erforschen schrieb uns Herr Tschepego:

Stenbock-Fermor hatte eine gewisse Rolle in meiner Heimatstadt Neustrelitz gespielt. Zu ihm und seinem Bruder Nils gab es darüber hinaus familiären Kontakt – meine Großeltern waren mit den beiden in den zwanziger Jahren befreundet. Somit sammle ich Material zu beiden – nach und nach wird vielleicht ein Buch daraus. Außerdem war Stenbock-Fermor ein Großneffe von Peter Kropotkin, welcher einer der bedeutendsten sozialen Denker des 19./20. Jahrhunderts war. Hier interessierte mich die Sicht der Familie auf Kropotkin.

Herr Tschepego betreibt unter: syndikalismusforschungvt.wordpress.com einen Internetblog zu seinen Forschungsprojekten. Dort, oder unter: valentin.tschepego@syndikalismusforschung.info nimmt er gerne Meinungen, Ergänzungen oder Hinweise entgegen.
Wir bedanken uns bei Herrn Tschepego für seinen umfangreichen und sehr informativen Artikel.

Wer war wer? Stenbock-Fermor über Reddelich

In der DDR wurde der baltendeutsche Schriftsteller Alexander Graf Stenbock-Fermor vor allem durch seine im Verlag der Nation erschienene Autobiografie „Der rote Graf“ bekannt. Diese Biografie wurde postum veröffentlicht – d.h. nach dem Tode des Autors. Sie konnte zu Lebzeiten aufgrund einer Krankheit Stenbock-Fermors nicht mehr vollendet werden. Die Autobiografie stellt gewissermaßen eine Zusammenfassung des schriftstellerischen Werkes von Stenbock-Fermor dar – welches mit Kommentaren und dem Zeitgeist angepassten Änderungen des Autors versehen ist. Eine unvollkommen gebliebene “Bilanz” Stenbocks wurde in der Druckfassung durch einen Epilog seines Drehbuchkollegen Joachim Barckhausen ersetzt, welcher einen guten Überblick über die Nachkriegslaufbahn Stenbock-Fermors gibt.
In dieser Autobiografie spielt auch jene Zeit von 1920 bis 1922 eine Rolle, die Stenbock-Fermor in Reddelich verbrachte. Es handelt sich um die Kapitel „Das Haus des Hauptmanns von Messer“ und „Winterschlaf“. Bis 1920 war Alexander Stenbock-Fermor Freiwilliger bei der „Baltischen Landeswehr“ in Livland, welche dort die baltendeutschen Privilegien gegen die Rote Armee und Streitkräfte der entstehenden bürgerlichen Demokratien Estlands und Lettlands verteidigte. 1920 nahm er als noch Minderjähriger die Gelegenheit wahr, die Landeswehr zu verlassen und zu seinen bereits zuvor emigrierten Eltern nach Neustrelitz in Mecklenburg zu ziehen. Von Neustrelitz aus begab er sich kurz darauf nach Rostock, wo er eine zeitlang als Fahrkartenverkäufer auf einem Schiff arbeitete, ehe er zu einer befreundeten baltischen Familie nach Reddelich zog. Von hier aus holte er in Rostock seine im Russischen Bürgerkrieg vernachlässigte Schulbildung nach. Nach dieser Zeit versuchte Stenbock-Fermor an dem renommierten Technikum in Alt-Strelitz das Ingenieurwesen zu studieren, ein Anliegen, das er alsbald aus verschiedenen Gründen zugunsten eines einjährigen Arbeitsvertrages als sgn. „Werkstudent“ in einem Bergwerk im Ruhrgebiet aufgab. Stenbock-Fermor arbeitete in dem damals sehr aufrührerischen Hamborn (heute ein Stadtbezirk von Duisburg), und näherte sich dort immer mehr sozialistischen Gedankengängen an. Im Jahr 1933 – als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, war Stenbock-Fermor bereits im engen Umfeld der KPD aktiv. Aus diesem Grunde erfolgte im Herbst 1933 seine Verhaftung in Jena.

Die Geschichte seines wohl skurrilsten Buches fängt gerade zu dieser Zeit an. Während Stenbock-Fermor in Haft saß, konnte nämlich im Werner Plaut Verlag in Wuppertal-Barmen sein Buch „Das Haus des Hauptmanns von Messer“ erscheinen. Es ist das Buch über seine Zeit in Reddelich, welches in seiner Autobiografie in den zwei erwähnten Kapiteln zusammengefasst wird. Eigentlich handelt es sich um eine recht liebevolle, aber dennoch bissige Veräppelung des emigrierten baltischen Adels, vor dem Hintergrund seiner eigenen Erlebnisse in einer seiner ersten Exilstationen.

„Das Haus des Hauptmanns von Messer“ erlebte eine zweite Auflage – und zwar erschien im Jahre 1946 im Wiener Ilse Luckmann-Verlag eine stark veränderte Fassung dieses Werkes. Dieses Nachkriegsbuch wurde in die Vergangenheitsform umgeschrieben (während die Erstausgabe von 1933 durchgehend im Präsens verfasst war), die im ersten Buch noch sehr deutlichen antibolschewistischen Momente wurden gekürzt, und die Personen zum Teil mit etwas mehr Mitgefühl geschildert (so wird aus dem „Baron Geyer“ der Erstausgabe der etwas freundlicher klingende „Baron Pontus Brage“).
Bei der Lektüre beider Fassungen stellt sich die Frage, was Stenbock-Fermor an reale Personen und Gegebenheiten angelehnt hat, und was auf reiner Fiktion beruht. In der RADUCLE Nr. 9 wurde bereits einiges an Personen und Plätzen vor Ort geklärt. Der zentrale Ort der Handlung, das „Haus des Hauptmanns von Messer“, hat sich demnach bis heute erhalten und war tatsächlich das Haus eines Oberleutnants Hasso von Besser gewesen. Die im Buch auftauchende „Witwe Schultze“ war die tatsächlich in Reddelich wohnhafte Lehrerwitwe Julie Schulze (geb. Wacker), deren Bruder, der Gärtner Friedrich Wacker an den „Lustmörder Wacker“ oder „Ottokar Wacker“ angelehnt zu sein scheint. Im Folgenden will ich versuchen, noch weitere Einzelheiten aus diesem Buch ans Licht zu holen. Zu den glücklichen Fügungen dabei gehört, dass ich vor einigen Jahren Gelegenheit hatte, einen langen Tag die Gastfreundschaft von Baron Georg Taube und seiner Frau genießen zu können. Es war gewissermaßen ein tiefer Einblick in eine versunkene Welt. Georg Taube galt zurecht als „der Geschichtsprofessor der baltischen Familien“. Sein enormer Wissensschatz enthielt auch Einiges zu den Hintergründen des Buches „Das Haus des Hauptmanns von Messer“. Vielleicht ist die Veröffentlichung derselben in der RADUCLE am besten aufgehoben. Georg Taube war nicht nur ein versierter Kenner baltischer Geschichte, sondern auch der Sohn von Georg Taube senior, welcher in den Büchern Stenbock-Fermors jeweils als „Onkel Goga“, „Baron Geyer“ bzw. „Pontus Brage“ eine herausragende Rolle spielt.

Hintergrund zu den Personen in „Das Haus des Hauptmanns von Messer“
Im Exil unterhielten viele baltische Familien ihren altgewohnten Kontakt weiter aufrecht. Unter anderem gehörten in Stenbock-Fermors Umfeld die Familien Taube, Koskull und Bistram dazu. Zu den beiden ersteren bestand ein sehr inniges Verhältnis.

Onkel Goga / Baron Geyer / Pontus Brage
Baron Georg Taubei war der ehemalige Hafenkommandant von Wladiwostok, welcher im Russischen Bürgerkrieg zeitweise die Baltische Landeswehr kommandierte – und damit nicht nur Alexander Stenbock-Fermors älterer Cousin (wegen diesem Altersunterschied wurde er von diesem „Onkel“ genannt), sondern auch sein Vorgesetzter war. Im Exil übernahm er die Rostocker Wohnung seiner nach Wiesbaden verzogenen Schwester – einer Fürstin von Lieven. In dieser Wohnung blieb Stenbock-Fermor mit dem Sohn seiner Reddelicher Gastgeber oft nach dem Unterricht zum Mittagessen.

Tante Sophie / Tante Ingelill
Die Mutter von Georg von Taube sen. „Tante Sophie“ wird von Stenbock-Fermor als „Angehörige einer strengen kirchlichen Sekte“ dargestellt. Sie war tatsächlich streng gläubig – allerdings nur „für sich allein“, sie gehörte keiner religiösen Gruppierung an.

Fürstin Wolkoff
Die laut Stenbock-Fermor in derselben Wohnung lebende Tante – eine „Fürstin Wolkoff“ hatte der Autor hingegen erfunden. Besser gesagt, er schuf die Person der skurrilen „über neunzigjährigen Fürstin Wolkoff, deren Mann 1878 im Russisch-Türkischen Krieg gefallen war“ aus zwei realen Personen. Zum einen handelt es sich hierbei um Therese Taube, verwitwete Stresow, deren Mann tatsächlich in der letzten Schlacht des russisch-türkischen Krieges 1878 gefallen war. Sie war allerdings Jahrgang 1845 – und daher keinesfalls „uralt“ – und war dazu die vertraute Kammerfrau der Kaiserin Maria (der Mutter des letzten russischen Zaren). Nachdem die Kaiserin-Mutter, die eine geborene dänische Prinzessin war (Dagmar von Dänemark), sich nach der Russischen Revolution wieder in Dänemark niedergelassen hatte, verließ Therese Stresow diese in Richtung Rostock, wo sie – nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt in Belgien – im März 1931 starb. Sie war nicht taub, wie die Fürstin Wolkoff in den Schilderungen von Stenbock-Fermor – auch besaß sie kein Hörrohr. Allerdings war sie sehr sittenstreng und verbrannte beispielsweise dem „Onkel Goga“ seine Spielkarten, so dieser sie nicht gut genug versteckte.
Die zweite Person, die in „Fürstin Wolkoff“ vereint wurde, war Maria, eine Schwester der bereits erwähnten „Tante Sophie“. Diese war tatsächlich taub und fand nach der Revolution für einige Zeit im Schloss Remplin Asyl, welches der russischen Linie des Strelitzer Herzogshauses gehörte. Von hier aus kam sie ab und an nach Rostock, wo sie im Übrigen auch mit Therese Stresow zusammengetroffen sein dürfte. Im Gegensatz zu dieser war Maria allerdings mehr am Buddhismus und anderen indischen Weisheitsexponenten interessiert. „Fürstin Wolkoff“ schuf die Einheit dieser Widersprüche.

Familie Mooskull / Mooswald
Während dies die Rostocker Verwandtschaft und Bekanntschaft Stenbock-Fermors war, die in seinen Büchern Niederschlag fand, gehörten seine unmittelbaren Gastgeber in Reddelich der Familie Koskull an. Die bis heute recht bekannt gebliebene Schriftstellerin und Journalistin Josi von Koskull gehörte zu den jüngeren Geschwistern der Koskulls – lebte zu jener Zeit aber bereits von der Familie getrennt.
Alexandra und Eduard, Wilhelm und Elsbeth
Stenbocks große Jugendliebe, die er in seinen Büchern Alexandra nennt, war Andrea von Koskull, die zu jener Zeit mit ihrem Bruder Eduard von Koskull und ihren Eltern Alexander Wilhelm (Wilhelm Mooskull) und Hermine Catharina (Elsbeth Mooskull) das Haus des Hauptmanns in Reddelich bewohnte. Andrea kam in den Kriegswirren im Warthegau am Ende des Zweiten Weltkrieges ums Leben, Eduard bei einem Unfall.

Adele und Frieda Fegefeuer
Stenbock-Fermor schildert im „Haus des Hauptmanns von Messer“ auch einen Besuch der zwei extrovertierten Tanten Fegefeuer – Tante Frieda – einer gemütlichen älteren Person die sich liebevoll um ihre Schwester Adele kümmert, welche psychisch krank und im höchsten Maße lebendig ist. Tante Frieda bekam durch Stenbock-Fermor in dem Buch ein Denkmal gesetzt. Und Tante Adele wurden Dichtungen angedichtet, die in Stenbock-Fermors Büchern die Zeiten überdauert haben. Ihr Pendant in der Wirklichkeit hatten die beiden Schwestern in Thekla und Laura Bistram. Diese waren ebenfalls ständige Besucher sowohl bei Taubes als auch bei den Koskulls. Thekla, alias Tante Adele wurde durch Stenbock-Fermor zur Dichterin erkoren. Sie soll so prägnante Liebesgedichte verfasst haben wie:

„An der Lokomotive hängt ein Stückchen Torf,
Eins, zwei, drei, ich liebe Baron Korff.“
oder spannende Gedichte über die Klobürste (Igel):
„Ich spiele oft Klavier
Und schaue in den Spiegel.
Oft sucht man nach Papier
Und findet nur den Igel.“

Tatsächlich wurde diese Dichtkunst von einer Cousine Bistram in Schwerin ausgeübt, welche die Autorenschaft aber aufgrund des Inhalts vorsichtshalber an Thekla übertrug – wovon Stenbock-Fermor womöglich noch nicht einmal wusste.
Ein Gedicht, welches Tante Adele angedichtet wurde, findet sich auch als Zueignung in der Nachkriegsausgabe von „Das Haus des Hauptmanns von Messer“. Gewissermaßen drückt es den endgültigen Abschluss einer seltsamen Zeit aus:

„Gott nahm mir auch das Augenlicht
Und andre Kinder hab‘ ich nicht.
In meinem Garten steht ein Baum,
Drin ist ein großer, hohler Raum.
Da steck‘ ich meinen Kopf hinein
Und wein…“
Tante Adele

Quellen:

Audiointerview mit Baron Georg Taube vom 21.08.2008 (Archiv vt)
schriftliche Anmerkungen von Baron Taube zu „Der rote Graf“ (Archiv vt)
Genealogisches Handbuch der baltischen Ritterschaften, Teil: Kurland, Lieferung 5
Graf Stenbock-Fermor, Alexander: Das Haus des Hauptmanns von Messer, Erzählung, Werner Plaut Verlag, Wuppertal-Barmen 1933
Stenbock-Fermor, Alexander: Das Haus des Hauptmanns von Messer, eine skurrile Geschichte, Ilse Luckmann-Verlag, Wien 1946
Stenbock-Fermor, Alexander: Der rote Graf, Verlag der Nation, Berlin 1973

Alt-Strelitz, Juni 2013
Valentin Tschepego